Bulgarien
und die Zentralmächte.
Von Dimitri Rizow,
Kgl. Bulgarischem
Gesandten in Berlin.
Seit dem Beginn des großen
europäischen Krieges hat Rußland sich nicht geniert, offen
zu erklären, daß es
diesmal für die Erwerbung Konstantinopels und der Dardanellen und
die
Umwandlung des Schwarzen Meeres in einen russischen See kämpfe.
Diese russische
Erklärung kam für jeden denkfähigen Bulgaren einer
Proklamierung der Vasallenschaft
Bulgariens gegenüber Rußland gleich. Denn: sobald
Rußland einmal in
Konstantinopel und an den Dardanellen ist, muß es auf ihre
Verteidigung bedacht
sein, und man weiß wohl, daß es sie zu Lande nur
verteidigen kann, wenn es den
großen bulgarischen Balkan militärisch und moralisch
besitzt, das heißt durch
militärische Okkupation oder durch Einsetzung einer neuen
bulgarischen, Rußland
blind ergebenen Dynastie. In beiden Fällen wäre Bulgarien der
Vasall Rußlands.
Und noch schlimmer. Da Bulgarien durch seine Religion, seine Sprache
und seine
Vergangenheit das Rußland nächststehende Land ist, so
hätten für Rußland zwei
oder drei bulgarische Generationen genügt, um es sich zu
assimilieren, was auf
den politischen und nationalen Selbstmord Bulgariens herauskäme.
Unter solchen Umständen hatte Bulgarien keine Wahl. Es konnte sein Geschick nur mit den Geschicken der beiden Zentralmächte und der Türkei verbinden. Denn das bulgarische Problem wurde komplizierter und nahm eine solche Gestalt an, daß man es auf anderem Wege nicht lösen konnte. Und in der Tat, dieses Problem war jetzt ein dreifaches:
1. Es gilt, die nationale und politische Einigung des bulgarischen Volkes zu verwirklichen.
2. Es
gilt, nicht zu gestatten, daß Serbien
größer als Bulgarien wird.
Und
3. es gilt, zu verhindern, daß Rußland sich Konstantinopels bemächtigt und das Schwarze Meer in einen russischen See verwandelt.
Es war das ein neuer historischer Weg
für Bulgarien, in den es auf jeden Fall einlenken mußte,
wenn es nicht unter
der russischen Vormundschaft und unter dem serbischen Alpdruck
während zweier
oder dreier Generationen vegetieren und dann seine politische und
nationale
Existenz verlieren wollte.

In dem Augenblick, da der
deutsche und
der bulgarische Soldat gemeinsam für teure Interessen ihres
Vaterlandes
kämpfen, da das friedliche Leben zwischen den Völkern
zerstört ist, mag eine
Darstellung von Handels- und finanziellen Beziehungen gegenstandlos und
sogar
unnötig erscheinen. Politische und militärische
Errungenschaften und Erfolge
stehen über allem und beanspruchen die ganze Aufmerksamkeit. Wir
fragen uns
nicht mehr, welche Erfolge nahe und ferne Völker im Gewerbe und
Handel
aufweisen, denn längst hat der normale Handel aufgehört, die
Märkte sind längst
geschlossen und der Verkehr ist unterbrochen.
Dieser Zustand kann aber nicht mehr sehr viel länger andauern.
Bald werden die Völker zu friedlicher Arbeit zurückkehren, sie werden ihre Handelsbeziehungen wiederherstellen; sie werden noch eifriger ihre Arbeit wieder aufnehmen und neue Güter und Reichtümer schaffen. Landwirtschaftliche Gebiete werden schnell ihre Erzeugnisse zum Austausch gegen Fabrikwaren versenden, man wird Anleihen suchen zum Aufbau des durch den Krieg Zerstörten, zur Erneuerung der Wirtschaftsmittel, zur Befestigung der Schulden. Dieser Austausch wird, wenigstens in der ersten Zeit, zwischen befreundeten Ländern geschehen; die Nähe und die Gleichheit der politischen und staatlichen Interessen wird diese Völker noch enger in ihren Handels- und finanziellen Beziehungen verbinden.
Der Krieg kann noch andauern, aber er kann nicht ewig währen. Die Tage der Arbeit und des Austausches der Erzeugnisse werden schnell kommen. Die befreundeten Staaten müssen daher ihre Kräfte in der Erzeugung und im Verbrauch gut kennen lernen. Die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Bulgarien können nicht erst nach Eintritt des Friedens verstärkt werden, sondern schon bei der ersten unmittelbaren Berührung, sofort nachdem ein freier Verkehrsweg zwischen beiden Ländern geschaffen ist. Durch den Handel werden wir uns noch näher kennen lernen, werden wir unsere Freundschaft noch enger gestalten.
Umfassendere Handelsbeziehungen
zwischen Deutschland und Bulgarien sind noch nicht alt, aber in jedem
Jahre
haben sie sich gesteigert. Vor einem Vierteljahrhundert hat Deutschland
für
ungefähr 5 Millionen Lewa jährlich Waren nach Bulgarien
eingeführt, und
Bulgarien nach Deutschland kaum für 1 Million. 25 Jahre
später war die deutsche
Einfuhr nach Bulgarien auf 54 Millionen Lewa gestiegen, und die
bulgarische
Ausfuhr nach Deutschland auf 20 Millionen Lewa. Bis 1906 hatte
Deutschland mit
dem bulgarischen Staat oder bulgarischen Gemeinden keine Anleihe
abgeschlossen.
Die erste Anleihe in Deutschland ist mit der Gemeinde Sofia 1906 auf
den Betrag
von 35 Millionen Lewa abgeschlossen worden, die erste Staatsanleihe von
500
Millionen Lewa 1914. Die statistischen Angaben, die für die
Handels- und
finanziellen Beziehungen zwischen Deutschland und Bulgarien hier
folgen, zeigen
uns, daß den beiden Ländern eine gute Zukunft vorbehalten
ist und daß diese
Beziehungen schon in kurzer Zeit eine wesentliche Steigerung und
Entwicklung
erfahren werden.
I. Allgemeine
Beträge für Einfuhr und
Ausfuhr zwischen Deutschland und Bulgarien.
|
|
Einfuhr*) |
Ausfuhr |
Im ganzen
Außenhandel |
Einfuhr |
Ausfuhr |
|
|
|
aus |
aus |
Bulgariens |
aus |
nach |
|
|
|
Deutschland |
Bulgarien |
|
|
|
|
|
Jahre |
nach Bulgarien |
nach Deutschland |
Einfuhr |
Ausfuhr |
Deutschland in
Prozent. |
Deutschland in
Prozent. |
|
|
in |
in |
in |
in |
der ganzen |
der ganzen |
|
|
Lewa |
Lewa |
Lewa |
Lewa |
Einfuhr |
Ausfuhr |
|
1891 |
4 916 761 |
1 044 921 |
81 348 150 |
71065 085 |
6.04 |
1.47 |
|
1892 |
8 297 120 |
13 016 180 |
77 303 007 |
74 640 354 |
10,73 |
17,44 |
|
1893 |
12 060 058 |
15 818 460 |
90 867 900 |
91 463 653 |
13,27 |
17.30 |
|
1894 |
12 098 553 |
11 951 960 |
99 229 193 |
72 850 675 |
12,19 |
16.41 |
|
1895 |
8 758 935 |
13 428 148 |
69 020 295 |
77 685 546 |
12,69 |
17.28 |
|
1896 |
8 589 863 |
20 453 746 |
76 530 278 |
108 739 977 |
11,22 |
18,81 |
|
1897 |
10 623 657 |
7 784 811 |
8.5 994 236 |
59 790 511 |
12,65 |
13,02 |
|
1898 |
9 390 544 |
7 18143! |
72 730 250 |
66 537 007 |
12,91 |
10,79 |
|
1899 |
8 543 088 |
3 696 138 |
60 178 079 |
53 467 099 |
14,20 |
6,91 |
|
1900 |
5 614 989 |
5 766 190 |
46 342 100 |
53 982 629 |
12.12 |
10,68 |
|
1901 |
9 828 539 |
8 798 701 |
70 044 073 |
82 769 759 |
14,03 |
10,63 |
|
1902 |
8 555 634 |
10 608 986 |
71246 492 |
103 684 530 |
12,01 |
10.23 |
|
1903 |
10 917 949 |
9 277 997 |
81802 581 |
108 073 639 |
13,35 |
8,58 |
|
1904 |
19 976 482 |
12 216 031 |
129 689 577 |
157 618 914 |
15,40 |
7,75 |
|
1905 |
21 030 505 |
11 708 920 |
122 249 938 |
147 960 688 |
17,20 |
7,9! |
|
1906 |
16 224 543 |
15 409 730 |
108 474 373 |
114 573 356 |
15,- |
13,40 |
|
1907 |
19 660 448 |
17 021 884 |
124 661 089 |
125 594 697 |
15,8 |
13,6 |
|
1908 |
20 847 445 |
11 626 286 |
130 150 642 |
112 356 997 |
||